Gleich zu Beginn das Schwierige meines kurzen Vortrags: Ich fürchte, Sie hören nichts wirklich Neues, nichts, was Sie nicht schon anderswo gehört und verstanden hätten. Das weiterhin Schwierige ist, dass all das Berichtete, Gehörte und Verstandene wenig genug zu verändern scheint.
Im Wesentlichen konzentriere ich mich hier und heute auf psychoanalytische Institutionen. Zugleich dürften diese aber auch als Modell für das Verständnis von Dynamiken anderer Institutionen dienen, insoweit in ihnen hierarchische oder gar autoritäre Strukturen, strukturelle und emotionale Abhängigkeiten und eine gewisse Intransparenz gelten und auch bewahrt werden sollen.
Es wurde, wie erwähnt, schon sehr viel von Vielen und auch schon sehr früh dazu gesagt. Der vielleicht erste und wichtigste Text dazu stammt von Anna Freud, mit dem Titel: »Bemerkungen über Probleme der psychoanalytischen Ausbildung«, als Vortrag gehalten bereits 1938, das erste Mal in deutscher Sprache 1950 publiziert (vorsichtshalber in einer kaum verbreiteten Zeitschrift) und erst 1970 dann in der PSYCHE!
Sie beschreibt darin verschiedenste Ungereimtheiten, oder wenn man so will, eine gewisse Doppelmoral, was das therapeutische psychoanalytische Setting und das Setting der institutionellen Lehranalyse angeht. Darin enthalten der eingängige Satz: »Der Lehranalytiker begeht jeden einzelnen dieser Fehler«. Gemeint ist damit all Jenes, was in der therapeutischen Analyse als Fehler und in der Lehranalyse mitunter immer noch als selbstverständlich und richtig gilt.
Inzwischen sind natürlich noch sehr viel mehr Arbeiten zum Thema Grenzverletzungen erschienen. Intensiv auseinandergesetzt haben sich, um nur zwei prominente Namen zu nennen, Glen O. Gabbard und Andrea Schleu.
Man könnte sich also fragen: Warum gibt es immer noch diese Form der institutionellen Lehranalyse? Warum findet diese nicht längst in wenig abhängigerer Form statt, d. h. warum kann sich eine Kandidatin, ein Kandidat nicht an jede/jeden ausgebildeten PsychoanalytikerIn wenden, die/der bestimmte strukturelle Voraussetzungen erfüllt, wie es beispielsweise bei den Ärztekammern der Fall ist?
Nun, die Antwort könnte sein: Weil die entsprechenden Institutionen kein Interesse daran haben.
Auch wenn »Institution« so einen neutralen Klang haben mag, sie ist nicht neutral, denn sie besteht aus Menschen, genauer aus einer Gruppe von Menschen mit ihren je eigenen persönlichen Motiven und Schwierigkeiten und mithin gelten auch sehr menschliche individuelle und gruppendynamische Abwehrstrukturen.41
Andrea Schleu schreibt in ihrer Arbeit: »Institutionelle Abwehrprozesse im Kontext von Machtmissbrauch in berufsrechtlichen, rechtlichen und politischen Strukturen« (Schleu 2024) sehr zu Recht, dass die institutionellen Abwehrprozesse jenen von Individuen gleichen würden.
Das ist logisch, denn es sind ja die gleichen Abwehrmechanismen.
Sie schreibt auch, dass diese individuellen Abwehrprozesse sich nicht nur addieren, sondern multiplizieren würden und in den Institutionen ein Eigenleben zu führen begönnen.
Als Gruppenanalytikerin sind mir nun wiederum Abwehrdynamiken in Gruppen vertraut.
Die Abwehrmechanismen sind Ihnen allen nur allzu bekannt, als da wären:
Leugnung, weil nicht sein soll, was ist,
emotionaler Bedeutungsentzug durch Affektisolierung,
sich die Sache als »richtig« zurecht moderieren durch Rationalisierung und Intellektualisierung, die Verkehrung ins Gegenteil in Zusammenarbeit mit der Leugnung, indem man u. U. das, was einem widerfahren ist, als besondere Zuwendung versteht,
die anschließende Selbstentwertung, die Täter-Opfer-Umkehr, die damit verbundene Scham- und Schuldumkehr, das Verweigern von Verantwortung, die Dissoziation.
All diese Mechanismen wirken auf Opfer- und auf Täterseite.
Soweit, so - vorerst allgemein und gültig.
Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen Ihre ganz eigenen Erfahrungen, auch mit psychoanalytischen Institutionen haben. Ich auch. Solche Erfahrungen sind dann ganz konkret.
Meine eigenen - durchaus sehr einschneidenden und unerfreulichen - Erfahrungen an meinem Ausbildungsinstitut sind nun schon lange her. Inzwischen bin ich viele Jahre als Supervisorin von Institutionen tätig. Dabei helfen mir meine persönlichen Erfahrungen von damals, aber ich habe auch viel dazu lernen dürfen. Bei den Supervisionen geht es um Vieles, aber auch immer wieder, fast immer, auch um Grenzverletzungen und den Umgang mit ihnen. Im Laufe der Zeit meine ich, wiederkehrende Dynamiken beobachtet zu haben, die mir schon damals begegnet sind, als ich selbst betroffen war und die in verschieden Varianten immer wieder auftauchen.
Welche Formen institutioneller Abwehrdynamiken lassen sich beobachten?
Ich möchte Ihnen nun 10 etwas konkretere Abwehrformationen in Institutionen nennen. Dabei gehe ich davon aus, dass etliche davon Ihnen schon in der ein oder anderen Form begegnet sind. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber sie ist ein Anfang und mag vielleicht einen Anstoß für die heutigen Diskussionen bieten.
- Intransparenz Die Institution lässt Vieles intransparent und im Offenen. Es soll möglichst wenig klare Regeln geben, auf die man sich womöglich berufen könnte, z. B. eine klare Regelung darüber, was man erfüllen muss, um LA zu werden. Oder aber auch ethische Regeln überhaupt. An wen kann ich mich wenden, wann ich ein ethisches Problem habe? Es ist im Übrigen für mich immer wieder erstaunlich, wie wenige Mitglieder eines Vereins oder einer Institution ihr eigene Satzung kennen und wie häufig »vergessen« wird, dass das oberste Organ eines Vereins die Mitgliederversammlung ist.
- Graue Eminenzen In der Regel langjährige verdiente, anerkannte Mitglieder der Institution, denen man dankbar ist, die man aber auch idealisiert und vor denen man immer noch heftige (Übertragungs)ängste hat, die nicht gelöst werden können, weil man sein »psychoanalytisches Zuhause« nie verlassen hat. Die grauen Eminenzen haben bisweilen gar kein Amt mehr offiziell inne, werden aber »zu Rate« gezogen oder lassen wissen, wie sie eine Angelegenheit bewertet oder gerne bearbeitet sehen würden.
- Loyalitäten Die Grauen Eminenzen fordern und fördern Loyalitäten. Wer loyal ist, erhofft sich Belohnung und erhält sich seine Ideale. Ich möchte nicht falsch verstanden werden, ich halte Loyalität für eine gute Eigenschaft. Aber man sollte sich möglicher Loyalitätskonflikte bewusst werden. Die »Befangenheit« die die VertrauensanalytikerInnen des Instituts fühlten, dürfte auf eben jenen Loyalitäten beruhen. ABER: Dieses Problem wird nicht thematisiert und damit nicht angegangen, im Sinne von: Wir haben hier einen Fall, in dem wir tätig werden müssten, aber nicht können, weil wir uns der anderen Seite gegenüber loyaler fühlen. Was machen wir jetzt? Mit Betonung auf »jetzt« und nicht (eine ebenfalls häufige Abwehrformation - übrigens auch in der Bundesregierung): »Das sollten wir irgendwann mal klären….«
- Idealisierungen eng verwandt mit Loyalitäten. Mit Idealisierungen meine ich nicht einfach jemanden oder etwas richtig gut zu finden oder zu bewundern. Mit Idealisierung meine ich wider besseres Wissen oder Wissenkönnens dasselbe zu tun.
- Die Phantasie, dass Nachwuchs gefährlich ist, entweder, weil der nicht gut genug ist und die Institution ganz sicher in den Abgrund führen würde oder aber weil er zu gut ist und die eigenen Position bedrohen könnte. Irgendwas passt immer.
- Unerreichbarkeit Eine Maßnahme, der sich heutzutage sehr viele Institutionen bedienen. In der großen Wirtschaft sind es Call-Center, die die Institution abschirmen, indem schlecht bezahlte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als »Container« für wütende oder frustrierte Kundschaft »vorgeschaltet« werden. Der Beschwerdeweg wird so lange und steinig, dass man ihn lieber nicht beschreitet. Es gibt zwar Vorrichtungen, Fragen zu stellen, aber sie werden i. d. R. nicht beantwortet oder es kommt eine Scheinantwort, die etwas beantwortet, das man nicht gefragt hat.
- Vermeidung von persönlichem Kontakt Der persönliche Kontakt wird so gut es irgend geht vermieden. Denn in diesem müsste »die Institution« sich als eine Gruppe von Menschen zu erkennen geben. Dann aber ist es dem in der Institution tätigen Individuum nicht mehr so gut möglich ist, sich hinter »der Institution« zu verstecken. Der Kontakt, das Gespräch wird umso mehr gemieden, je mehr man sich bedroht sieht oder je mehr Aussicht man dem Opfer einräumt. Ehe man eine für einen selbst ungünstige Antwort geben müsste, gibt man lieber keine. (»Sie haben das Recht die Aussage zu verweigern…«)
- Das Sündenbockphänomen Als Abwehrmodus in Gruppen nur zu bekannt. Die Idee ist so simpel wie falsch: Eine/einer versammelt all das Unheil auf sich, mithin muss dieser aus der Gruppe entfernt werden und alles wird gut. Wird es auch, aber nur sehr kurz. Natürlich. Denn mit dem Sündenbock wird auch oft sein Versuch der Veränderung eliminiert und alles bleibt beim Alten. Wenn es einen Sündenbock gibt, dann heißt es häufig: Na, aber er oder sie muss ja auch etwas dazu beigetragen, sich für diese Rolle irgendwie angeboten haben. Ja, natürlich. Aber wodurch? Womit? Sündenbock oder Sündenziege wird häufig der oder die, der die kollektive Abwehr der Gruppe auf irgendeine Weise in Frage stellt oder gefährdet. Also jemand, der womöglich einen der vorgenannten Punkte in irgendeiner Weise anspricht: die Intransparenz, die Loyalitäten, die Idealisierungen, die Projektionen in den Nachwuchs, die Unerreichbarkeit, die Vermeidung von Kontakt.
- Geteilter Narzissmus Psychoanalytische Institute sind bisweilen auch Spielwiesen für individuelle und kollektive Narzissmen. Sie bieten eine Art Karriere (oder den Anschein davon), die sich außerhalb der Institution nicht so gut finden lässt. Man kann in eine Machtposition kommen, die es einem erlaubt, über das Fortkommen anderer zu entscheiden. Etwas, das sonst vielleicht, da man in seiner »Ein-Personen-Praxis« tätig ist, sonst nicht so kann. Man kann sich eine Autorität, ein persönliches Prestige erhalten oder erwerben, was man beides außerhalb nicht hat, eine Art intellektuelles Ansehen, für das es außerhalb womöglich zu viel Konkurrenz gäbe. Da die Narzissmen und narzisstischen Übertragungen mit den anderen geteilt werden, sind sie besonders stabil. Man arbeitet gemeinsam für die eine große (und von der Welt nicht wirklich verstanden Sache) und diese große Sache strahlt auf alle zurück. So die gemeinsame Phantasie. Um diese Phantasie erhalten zu können und nicht zu gefährden, ist eine gewisse Abschottung nach außen notwendig, denn die Außenwelt kann manchmal - ähnlich dem Sündenbock - die gemeinsamen Phantasien in Frage stellen. Innerhalb des Systems gibt es dann eine Art narzisstisches Tauschgeschäft: Stellst du mich nicht in Frage, anerkennst du meine Autorität, dann werde ich deine Karriere fördern (oder auch deine Fehler nicht ansprechen).
- Und vor allem: Vermeiden eines echten und unabhängigen Blickes von außen! Sobald wirklich die Gefahr besteht, dass jemand von Außen versucht, die Vorgänge zu verstehen, entzieht man sich. Man nimmt an Veranstaltungen, die etwas klären sollen, nicht teil (zum Beispiel Supervisionen) und hat oft zugleich einen Informanten darin. Oder man sorgt in einer Veranstaltung für giftige Affekte und Kränkungen, damit eine Eskalation den möglichen Erfolg der Veranstaltung verhindert. Oder man entzieht sich nach einem Affektsturm, damit die anderen mit Schuld- und Schamgefühlen zurück bleiben. Oberstes Ziel dabei: Es soll so wenig wie möglich zur Sprache kommen und so wenig wie möglich verändert werden.
Es soll »alles beim Alten« bleiben.
Diana Pflichthofer© 16. Mai 2026