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Gibt es noch (gute) Vorbilder?

Vorbilder haben eine wichtige Funktion für die psychische Entwicklung. Man möchte ihnen nacheifern. Wenn man so will, sind sie Motor eines progressiven Neides. Man möchte haben, was sie haben, so sein, wie sie. Sie sind elementar wichtig, denn man identifiziert sich mit ihnen (was sich auch darin zeigen kann, das Trikot mit dem Namen »Jamal Musiala» zu tragen, in der Hoffnung, seine Fähigkeiten gehen auf einen über) und strebt ihnen nach. Man »studiert« im ursprünglichen Sinne von studere »sich eifrig bemühen, steben nach«. Das ist etwa ganz anderes als der sehr verbreitete destruktive Neid. Dieser will zwar auch haben, was der andere hat, aber dieses Gefühl führt nicht dazu, dass man sich bemüht, sondern das man versucht, den Besitz, die Fähigkeiten des anderen zu zerstören. »Wenn ich nicht habe, was sie/er hat, soll sie/er es wenigstens auch nicht haben!», so lautet der Ansatz, der Gesellschaften spalten und zerstören kann.

 

Gute Vorbilder aber laden ein, sich zu entwickeln, um »es« auch zu haben.

Aber welches sind die heutigen Vorbilder? Sind sie »gut« für die psychische Entwicklung. Und was sagen die heutigen Vorbilder über unsere Gesellschaft aus?

Wo sind sie? Wer sind sie?

Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Hauptvorbilder heute solche sind, die aus sehr viel Geld und Macht bestehen. Das eine generiert in der Regel des andere. Die Politik wird schon lange vom Geld bestimmt. Genauer: Von denen, die es haben und noch mehr davon wollen. »Lobbyismus« ist das scheinbar harmlose Wort für eigentlich empörende Vorgänge rund um die politischen »Influenzer«.  Ja, auch die Social-Media-Influencer-Avatare dienen heute offenkundig als Vorbilder.

Aber wie steht es um eine Gesellschaft, deren Hauptwertmaßstab in Geld und Macht und eventuell noch in einer Art Barbie- und Ken-Styling zu bestehen zu scheint?

Gibt es in Deutschland noch intellektuelle Größen, Menschen mit intellektueller Autorität und integrierender Geisteskraft?

Allzuoft scheinen Geld und Besitz der höchste Wert zu sein und damit sind diejenigen, die ihn erreicht haben oftmals die wichtigsten Vorbilder, auch wenn der psychische und kognitive Reifungsgrad fraglich ist. Noch nie hatte ich meiner Praxis so viele Adoleszente, die Angst haben, »ihren Lebensstandard« nicht halten zu können. Geld, Reichtum, der Markt, das scheinen die neuen »Führer« zu sein, denen man sich zum Teil bedingungslos unterwirft. »Der Markt« als oberste Autorität? Das führt dazu, das alles der (vermeintlichen) Wirtschaftlichkeit untergeordnet wird, die leider immer nur sehr kurz greift und auf das je eigene Portemonnaie guckt. Aber wir alle und vor allem unsere Kinder und Jugendlichen brauchen gute Vorbilder, um sich an ihnen orientieren, an ihnen wachsen und sich von ihnen abgrenzen zu können. Obwohl man vermutlich, ohne Übertreibung, heutzutage für jede Schulklasse einen Kinder-und Jugendspsychotherapeuten brauchen und ihn mühelos den Tag über beschäftigen könnte, arbeiten wir daran, dass noch weniger Kinder und Jugendliche therapeutisch versorgt werden. (Nur ein Beispiel!). Auch Erwachsene werden schlechter versorgt, weil man keinen Wert mehr auf andere Werte als Wirtschaftlichkeit legt. Beziehung, Entwicklung, Kreativität, Lebensfreude, Menschlichkeit im besten Sinne scheint nicht mehr so viel zu zählen. Das kann doch nicht sein!